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Bücher

Ihre Musik

Rezensionen

Klaus Kastberger, Falter

Das ist nun einmal etwas ganz anderes: Thomas Stangl erzählt in seinem neuen Roman vom Leben zweier Frauen und entwickelt dabei sprachlich eine derart innige Nähe, dass man glatt meinen könnte, ihnen unter die Haut zu sehen. (…)
Der Schauplatz des Buchs, ein Grätzel gleich hinter dem Donaukanal, ist bei jungen, urbanen Stadtbewohnern seit Jahren beliebt. In „Ihre Musik“ nun erscheint diese Gegend öde und leer: „Inmitten von Wien ist es ein völlig einsamer, unbekannter Ort, fremder als alles, was in fremden Weltgegenden aufgesucht werden kann. Hier sind (außer ein paar gleichgültig stumpfen Anrainern) keine Menschen; nur riesige Geier ziehen ihre Kreise über die weiten, leicht gewölbten Freiflächen über dem Tempel, manchmal lassen sie sich am Boden nieder und reißen einen Fetzen Fleisch von einer der unzähligen toten Tauben, die hier liegen.“
An diese surrealen Bilder gewöhnt man sich relativ rasch, werden Innen- und Außenwelten doch durchgängig aufeinander bezogen. Gleich zu Beginn wirft der Autor einen intimen, aber unspektakulären Blick auf eine der beiden Frauen: Sie steht morgens auf, macht sich einen Kaffee, denkt an die erste Zigarette. Die Zimmerumgebung indes erscheint randvoll mit Leben; wie eine zweite Haut legt sie sich um den Körper ihrer Bewohnerin. (…)
Dass die Leopoldstadt im peniblen Nachvollzug all dieser Schritte in- und außerhalb der Wohnung tatsächlich wie die fremdartigste aller denkbaren Welten erscheint, liegt am erzählerischen Vermögen des Autors. In seiner klanglosen Musik überlagern sich Wahn und Wirklichkeit, sind dann plötzlich alle Dinge ganz ohne Distanz. Oder um eine andere Metapher zu verwenden: Thomas Stangl setzt mit „Ihre Musik“ den ganzen zweiten Bezirk unter Wasser und taucht zu seinen beiden Hauptfiguren hinab. Dieses Buch ist ein Korallenriff der Einsamkeit.